20 Jahre gelebte Erinnerung: Klinikum Lippe gibt Sternenkindern einen würdigen Platz

1. Juni 2026 | Überregionales

Lachende Frau mit Brille und gemustertem Oberteil, ihr Namensschild zeigt G. Krist-Suselo Pfarrerin

Ein Raum für Trauer und Hoffnung: Jubiläum des Erinnerungsgottesdienstes für verstorbene Kinder

Es sind Namen, die oft nie ausgesprochen wurden, und Herzen, die auf ewig verbunden bleiben. Fehl- und Totgeburten hinterlassen tiefe und unauslöschliche Spuren im Leben von Eltern, Geschwistern und Familien. Für viele dieser sogenannten Sternenkinder, die das Licht der Welt nur kurz oder gar nicht erblicken durften, schafft das Klinikum Lippe seit zwei Jahrzehnten einen Raum der Erinnerung, des Trostes und der Gemeinschaft. Der Erinnerungsgottesdienst, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist zu einem Leuchtturm der Hoffnung für unzählige Familien geworden.

Über Jahrzehnte hinweg war der Verlust eines Kindes vor, während oder kurz nach der Geburt ein gesellschaftliches Tabuthema, über das nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Viele Familien mussten ihre Trauer isoliert und schweigend tragen. Doch im Klinikum Lippe begann schon früh ein Wandel, getragen von dem Wunsch, den betroffenen Familien offen und zugewandt zu begegnen. Gerlinde Kriete-Samklu, seit 1998 als evangelische Krankenhausseelsorgerin im Klinikum Lippe tätig, erinnert sich noch gut an die Anfänge. „Früher wurde darüber geschwiegen“, bestätigt sie. Kurz nach ihrem Dienstbeginn begann sie, gemeinsam mit einer leitenden Hebamme, die Thematik der Fehlgeburten aktiv im Krankenhaus anzusprechen. Eine große Herausforderung auch für das medizinische Personal: „Hebammen sind eigentlich für das Leben da“, betont Kriete-Samklu. „Auch die Professionellen mussten damals erst lernen, wie man mit diesem Verlust umgeht.“

Ein Sarg als Schlüsselmoment

Ein entscheidender Moment für die öffentliche Wahrnehmung war das Jahr 1999. Beim Tag der offenen Tür präsentierte die Krankenhausseelsorge einen Stand, dessen Herzstück ein kleiner Baumsarg war. „Viele Frauen blieben stehen und fühlten sich sofort angesprochen“, so Kriete-Samklu. Die darauf folgende Berichterstattung in der Lokalpresse, unter der damals noch ungewöhnlich direkten Überschrift „Föten enden nicht mehr im Müll“, löste eine überwältigende Resonanz aus. Plötzlich meldeten sich unzählige Betroffene, viele mit jahrelang zurückliegenden Erfahrungen des Verlustes, die endlich den dringenden Gesprächsbedarf artikulieren konnten. Aus diesen tiefgehenden Begegnungen und dem Bedürfnis nach einem gemeinsamen Gedenken entstand die Idee für den Erinnerungsgottesdienst, der im April 2006 erstmals stattfand. Die Beliebtheit war so groß, dass der ursprüngliche Andachtsraum bald aus allen Nähten platzte und die Veranstaltung in die größere Diakonis-Kirche umziehen musste, um allen Trauernden Platz zu bieten.

Umfassende Begleitung für Familien

Der Erinnerungsgottesdienst ist dabei nur ein Baustein eines umfassenden Begleitangebots, das betroffene Familien im Klinikum Lippe erhalten – beginnend unmittelbar nach dem Verlust. Viele der Rituale, die heute als selbstverständlich gelten, mussten über Jahre hinweg entwickelt und etabliert werden. Gerlinde Kriete-Samklu erzählt von einer Begegnung: „Bei einem Stationsbesuch traf ich auf eine betroffene Frau, mit der ich in ein langes Gespräch kam. Es stellte sich heraus, dass sie im Kreißsaal das Gesprächsangebot abgelehnt hatte. Nun meinte sie: ‚Jetzt hat mir das Gespräch doch gutgetan.’“ Dies unterstreicht die enorme Bedeutung des Gesprächs und der einfühlsamen Begleitung. Noch heute ermutigen die Mitarbeitenden Eltern dazu, ihr Kind anzuschauen, es zu berühren, Fotos zu machen oder ihm einen Namen zu geben – Gesten, die damals keineswegs selbstverständlich waren, heute aber einen essenziellen Teil der Trauerarbeit darstellen. Ein weiterer Fokus liegt auf der gesamten Familie, insbesondere auf Geschwisterkindern. „Wir Erwachsenen machen oft den Fehler, Kinder nicht einzubeziehen“, mahnt Kriete-Samklu. „Kinder spüren ohnehin, dass etwas anders ist. Wenn man schweigt, lernen sie: Wenn etwas Schlimmes passiert, darf man nicht darüber sprechen.“ Ihr ist klar: „Es geht nicht weg“, aber „gemeinsam kann man es anders aushalten.“

Ein Ort für die letzte Ruhe

Zur Abschiednahme gehören für viele kleine, aber bedeutsame Rituale: ein Gebet, ein Segenswort, ein Erinnerungsfoto, ein Hand- oder Fußabdruck. Auch die Bestattung der Kinder wurde in den letzten Jahren neu gedacht und humanisiert. Auf dem Kupferbergfriedhof in Detmold gibt es heute eine eigene Gräberfläche, die speziell für Sternenkinder reserviert ist. Eltern haben die Wahl und können selbst entscheiden, ob und wie sie ihr Kind bestatten lassen möchten, wenn es unter einem Gewicht von 500 Gramm liegt. Ab einem Gewicht von 500 Gramm ist in Deutschland eine Einzelbestattung gesetzlich vorgeschrieben. Schon in der Klinik erhalten die Familien erste, wertvolle Hinweise auf bestehende Selbsthilfegruppen und weitere Beratungsangebote, die ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite stehen können.

Selbsthilfe und Gemeinschaft

Eine dieser Selbsthilfegruppen begleitet heute aktiv Kathrin Walther, die aus eigener Erfahrung weiß, wie sich der unerträgliche Verlust eines Kindes anfühlt. Ihr Sohn Felix verstarb im Jahr 2015 während der Schwangerschaft. Lange Zeit suchte sie nach Menschen, die ihre tiefgreifenden Erfahrungen teilen und verstehen konnten. Schließlich fand sie den „Gesprächskreis Sternenkinder in Detmold“. Der Austausch mit anderen Betroffenen, die ähnliches erlebt hatten, erwies sich als unverzichtbare Stütze auf ihrem Weg durch die Trauer. Heute engagiert sich Kathrin Walther selbst intensiv für betroffene Familien. Sie leitet den Gesprächskreis Sternenkinder Lippe, eine Selbsthilfegruppe, die Eltern Raum für Austausch, Verständnis und gegenseitige Unterstützung bietet. Hier treffen sich Mütter und Väter, die ihr Kind während der Schwangerschaft, bei oder kurz nach der Geburt verloren haben. Neben persönlichen Treffen bietet die Initiative auch online umfassende Informationen zu Hilfsangeboten, Trauerbegleitung und wichtigen Ansprechpartnern. Weitere Informationen finden Betroffene unter: sternenkinder-lippe.de.

Der jährliche Erinnerungsgottesdienst: Ein Ankerpunkt

Der Erinnerungsgottesdienst ist ein besonderer Höhepunkt im Jahreslauf und wird mit großem Engagement gemeinsam von Hebammen, Kinderkrankenschwestern, Kinderärzten, Gynäkologen und der Krankenhausseelsorge des Klinikums Lippe gestaltet. Die Tatsache, dass viele ehemalige Betroffene jedes Jahr aufs Neue teilnehmen, unterstreicht die tiefe Bedeutung und den anhaltenden Trost, den diese Veranstaltung spendet. Jeder Gottesdienst widmet sich einem einzigartigen Thema – „Noch nie habe sich eines wiederholt“, betont Gerlinde Kriete-Samklu. In diesem Jahr steht der Gottesdienst unter dem tiefsinnigen Motto: „Herz“. Musik spielt dabei eine unverzichtbare Rolle; sie vermag Trost zu spenden, wenn Worte allein nicht ausreichen. Eigens für diesen Anlass werden Lieder komponiert und Trostgeschichten geschrieben, unter anderem von der niedergelassenen Kinderärztin Dr. Natalie Hellermann.

Wenn am Freitag, den 12.6.2026, um 17.00 Uhr in der Erlöserkirche am Markt in Detmold Kerzen entzündet werden, Musik erklingt und Eltern in stiller Verbundenheit nebeneinandersitzen, dann geschieht genau das: Erinnerung wird sichtbar gemacht. Den Kindern wird ein würdiger Platz gegeben. Und den Eltern und Familien wird die Gewissheit geschenkt, dass ihre Trauer nicht allein getragen werden muss, sondern einen festen Platz in der Gemeinschaft hat und bleiben darf.

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