Ein Interview mit Bürgermeister Martin Hoffmann

11. Sep. 2026 | Leopoldshöhe

Lächelnder Mann mit Brille und weißem Hemd sitzt an einem Schreibtisch mit zwei Monitoren, Telefon und Familienfoto

Zwei Investitionen, ein Maßstab: Was kostet uns die Zukunft wirklich?

Frage: Herr Bürgermeister Hoffmann, die Menschen in der Gemeinde Leopoldshöhe bewegen derzeit zwei große Brocken: Die Ausgaben für das Baugebiet Brunsheide und die möglichen Einschnitte bei den kommunalen Kindergärten. Beide Themen sind nicht miteinander vergleichbar, werden fälschlicherweise aber oft in Zusammenhang gebracht.

Antwort: Wenn die Gemeinde Geld ausgibt, tragen das am Ende alle 17.000 Bürgerinnen und Bürger mit, über ihre Grundsteuer und ihre Abgaben. Deshalb lohnt sich ein sachlicher Vergleich. Das Baugebiet Brunsheide und die Kita-Frage werden in Leopoldshöhe oft als Gegensatz erlebt, dabei zeigen beide Themen dasselbe Prinzip:

Das Baugebiet Brunsheide: Eine nachhaltige Investition

„Das Baugebiet Brunsheide ist eine langfristige Investition in die Zukunft der Gemeinde. Wir investieren hier mehrere Millionen Euro, damit künftig bis zu 700 Menschen langfristig in einem neuen, klimaangepassten Baugebiet leben können. Dies mit durchdachter Regenwasserbewirtschaftung, die Starkregen abpuffert und in Dürrezeiten Wasser vorhält.“

Frage: Warum ist dieses Thema so wichtig und warum, was wird in der Brunsheide eigentlich umgesetzt?

Antwort: Im Juni 2025 hat ein Starkregenereignis Leopoldshöhe heimgesucht und sehr viele Anlieger waren betroffen. Die Kanalisation war überfordert und schlug bereits aus den Kanaldeckeln ab, Rückstau zu den Gebäuden wurde ausgelöst.

Jetzt, im Jahr 2026 das genaue Gegenteil. Trockenheit das ganze Jahr über, Hitze im Sommer, leere Regenwasserzisternen, sinkende Grundwasserstände, Dürre für die Pflanzenwelt und in den umliegenden Kommunen sogar schon das Verbot, Trinkwasser zum Gießen oder zur Pool Befüllung zu nutzen.

Auch ohne diese beiden Extreme ist unser Wasserkreislauf gerade in bebauten Gebieten sehr gestört. Durch den hohen Versiegelungsgrad kann das Wasser nicht in den Boden gelangen, oder Verdunsten, der größte Teil läuft als Oberflächenabfluss ungenutzt und verschmutzt ab und bündelt sich an einem Tiefpunkt.

Um ein Neubaugebiet zu erschließen, hat man als Entwässerungsbetrieb unzählige Vorgaben, die umgesetzt werden müssen. Besonderer Fokus, auch der Rechtsprechung liegt dort auf der Starkregenvorsorge sowie dem Überflutungsschutz und auch die Wasserbilanz muss erhalten bleiben.

Frage: Und das hat welche Konsequenzen?

Antwort: Vor Planungsbeginn mussten erst einmal Daten in der Praxis vor Ort gesammelt werden. Bodenproben und Geländehöhen wurden genommen, nach Regenereignissen wurden Abläufe dokumentiert. Recht schnell hat sich herausgestellt, dass das Gebiet eine natürliche Siek-Struktur (Senke in der Mitte) aufwies, in dem sich bei Regen das Wasser sammelte und Richtung Gewässer abgeleitet wurde. Diese Struktur sollte die Grundlage für die Starkregenableitung bleiben und auch für die öffentliche Niederschlagswasserbewirtschaftung dienen.

Das bedeutet, dass dieser Bereich von Hochbauten freizuhalten ist und in der öffentlichen Hand verbleiben muss. Hier wird ein unterirdisches Speichersystem eingebaut, dass das Gebiet auch in trockenen Zeiten versorgen kann. Der oberirdische Teil bekommt Verdunstungs- und Versickerungsmulden, um die Wasserbilanz wieder herzustellen und für Abkühlung sorgen. Das Speicherwasser wird durch den Grünzug mit einem Solarpumpwerk geleitet.

Die Bepflanzung sorgt ebenfalls für Abkühlung und kann als Parkanlage und Spielplatzbereich genutzt werden. Auch im Straßenbereich werden kleine Speicher an den Straßenbäumen (Baumrigolen) eingesetzt und in den Quartiersplätzen Grüninseln mit ebenfalls unterirdischen Speichern, die auch zum Verweilen und Spielen genutzt werden können.

Mit all diesen Maßnahmen wird das Wasser dort genutzt, wo es vom Himmel fällt und nicht nur gebündelt abgeleitet. Im Starkregenfall ist somit eine deutlich höhere Sicherheit für die Anlieger und Gebäude gegeben und die Speicheranlagen lassen sich auch für Spaziergänge, zum Spielen, oder Aufenthalt nutzen. Die Anlage der Bepflanzung wird pflegeleicht und mit heimischen Gewächsen gestaltet, so dass man keinen unnötigen Unterhaltungsaufwand hat, aber trotzdem die Natur genießen kann.

Solche Anlagen werden immer häufiger in Städten und Gemeinden gebaut, denn dadurch kann man den Schaden durch die Versiegelung ausgleichen. Durch die Multifunktionalität haben auch alle etwas davon und können dort schöne Stunden verbringen

Kita-Kosten: Ein strukturelles Defizit im Vergleich zur Investition

Frage: Und wie finden wir jetzt zum 2. Thema, den Kosten für die kommunale KiTa’s?

Antwort: Der Unterschied zwischen Investition und Ausgaben macht den Vergleich gerade notwendig: Brunsheide ist eine einmalige Investition, die sich langfristig über Grundstücksverkäufe sowie künftige Grund- und Einkommensteuer refinanziert. Das Kita-Defizit, auch wenn es um unsere Kinder geht, ist dagegen ein struktureller, sich jährlich wiederholender Abfluss ohne Gegenfinanzierung.

Der Betrieb der vier kommunalen Kitas kostet die Gemeinde 925.349,00 € pro Jahr. Über sechs Jahre gerechnet, inklusive des dringend nötigen Sanierungsstaus von 1,65 Millionen Euro, sind das rund 7,2 Millionen Euro. Das ist eine Summe in ähnlicher Größenordnung wie die Brunsheide-Investition, nur dass sie sich Jahr für Jahr wiederholt, solange sich an der Struktur nichts ändert.

Pflichtaufgaben versus freiwillige Leistungen der Gemeinde

Frage: Wofür wird sonst noch Geld ausgegeben? Was sind Pflichtaufgaben und was sind freiwillige Ausgaben?

Antwort: Ja, das ist richtig. Manche Investitionen sind Pflicht, andere freiwillig, aber fast immer kommen sie einer großen Zahl von Menschen zugute. Damit der Vergleich fair bleibt, lohnt sich ein Blick auf weitere Ausgaben der Gemeinde:

Die Erweiterung der Grundschule Asemissen für den gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung (OGS) ist eine Pflichtaufgabe. Hier haben wir als Gemeinde keine Wahl, das Gesetz schreibt es vor, gleichzeitig profitieren alle Kinder der Schule davon, auch die nächsten Generationen.

Der Neubau der Feuerwache im südlichen Teil von Leopoldshöhe ist ebenfalls eine Pflichtaufgabe: Nur mit einem eigenen Standort können die gesetzlich vorgeschriebenen Hilfsfristen im gesamten Gemeindegebiet eingehalten werden. Davon profitiert nicht eine einzelne Gruppe, sondern die Sicherheit aller Menschen im südlichen Ortsteil.

Die Erneuerung von Straßen und Radwegen, Straßenbeleuchtung sowie die Grundversorgung mit Trinkwasser und die Abwasserentsorgung und viele weitere Pflichtaufgaben kommen der gesamten Bevölkerung zugute, vom Kleinkind bis zur Seniorin.

Diese Liste ließe sich weiter fortführen.

Der Unterschied zum kommunalen Kita-Betrieb ist entscheidend: Bei Pflichtaufgaben gibt es wenig Ermessensspielraum, das Geld muss fließen und es kommt großen Teilen der Bevölkerung zugute.

Die kommunale Kita-Trägerschaft ist eine freiwillige Leistung. Freie Träger haben laut Gesetz sogar ausdrücklich Vorrang.

Wer profitiert von den Kita-Ausgaben? Eine Frage der Gleichbehandlung

Frage: Wem kommen die Ausgaben für die Kommunalen KiTa‘s zugute?

Antwort: In Leopoldshöhe werden aktuell rund 600 Kinder in KiTa‘s betreut. Davon 200 Kinder in den vier kommunalen Einrichtungen und 400 Kinder bei freien Trägern wie der AWO, dem DRK und der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde. Der Zuschuss für die kommunalen Einrichtungen beträgt 925.349,00 €, für die Freien Träger 478.600,00 € pro Jahr. Da sich nur ein Drittel der Kinder in kommunalen Einrichtungen befinden und zwei Drittel in Trägerschaft bedeutet dies, dass der Zuschuss pro Kind in den Leopoldshöher Einrichtungen 4.625,00 € beträgt. In Gegensatz dazu liegt der Zuschuss bei den Freien Trägern bei rund 1.200,00 €.

Ein Drittel der Kinder erhält damit fast zwei Drittel des gesamten kommunalen Kita-Budgets. Pro Kind ist der Zuschuss in den kommunalen Einrichtungen fast viermal so hoch wie bei den freien Trägern, für denselben gesetzlichen Betreuungsauftrag, mit denselben Qualitätsstandards.

Wer die Gleichbehandlung aller Kinder in Leopoldshöhe ernst nimmt, kann nicht ignorieren, dass zwei Drittel der Kinder mit einem Bruchteil des Geldes betreut werden, das für ein Drittel ausgegeben wird. Das sieht derzeit nach einer Zwei-Klassen-Gesellschaft aus.

Es ist eine einfache nachvollziehbare Rechnung. Jeder Euro, der ungleich verteilt wird, fehlt an anderer Stelle und wird am Ende über die Grundsteuer von allen bezahlt, auch von denen, deren Kinder längst aus dem Kita-Alter heraus sind oder die gar keine Kinder haben. Es ist also keine Frage von „Gute Eltern gegen böse Verwaltung“.

Zukunft der kommunalen Kita-Trägerschaft: Konsequenzen und Alternativen

Frage: Wenn die Eltern es wünschen könnte die kommunale Trägerschaft dann trotzdem Bestandteil in Leopoldshöhe bleiben?

Antwort: Wenn sich die politische Mehrheit oder die Bürgerschaft für den Verbleib der kommunalen Trägerschaft entscheiden, ist das eine legitime Entscheidung. Diese Möglichkeit wird diskutiert.

Aber: Wichtig ist hier, dass die tatsächlichen Konsequenzen ehrlich benannt und nicht erst im Nachhinein sichtbar gemacht werden. Das Geld muss irgendwo herkommen, der Haushalt ist begrenzt. Bevor über den Erhalt der kommunalen Trägerschaft entschieden wird muss klar sein, dass es an anderer Stelle zu einschnitten kommen kann. Möglicherweise müssen dann Straßensanierungen ausgesetzt oder die Grundsteuer erhöht werden. Das ist keine Drohkulisse, diese Fragen müssen aber beantwortet werden.

Wenn die politische Mehrheit und Bürgerinnen und Bürger sich für diesen Weg entscheiden, wird die Verwaltung das so umsetzen. Die Ausgaben müssen von irgendwoher kommen, mögliche Steuererhöhungen sind bei dieser Variante dann unausweichlich. Die Frage ist aber warum? Die Freien Träger machen gute Arbeit und entlasten die Haushalt.

Niemand stellt infrage, dass Leopoldshöhe investieren muss, ob in Feuerwache, Schulen oder Kitas. Die Frage ist nur, mit welchem Maßstab wir messen: Wie vielen Bürgern kommt eine Investition zugute?

Ich weiß, dass das Thema schwierig ist, aber es sind auch umliegende Gemeinden wie z. B. Salzuflen, schon vor Jahren diesen Weg erfolgreich gegangen. Quelle: alle Zahlen sind den öffentlichen Vorlagen im Ratsinformationssystem zu entnehmen.

Das Interview führte unser Redakteur Reiner Toppmöller

Häufig gestellte Fragen

Was ist das Hauptproblem bei der Finanzierung der kommunalen Kitas in Leopoldshöhe?

Laut Bürgermeister Martin Hoffmann handelt es sich bei den kommunalen Kitas in Leopoldshöhe um ein strukturelles Defizit, das sich jährlich wiederholt und nicht refinanziert wird. Der Betrieb der vier kommunalen Kitas kostet die Gemeinde jährlich 925.349,00 €, und über sechs Jahre mit Sanierungsstau gerechnet rund 7,2 Millionen Euro.

Handelt es sich bei der kommunalen Kita-Trägerschaft um eine Pflichtaufgabe der Gemeinde?

Nein, die kommunale Kita-Trägerschaft ist nach Angaben von Bürgermeister Hoffmann eine freiwillige Leistung der Gemeinde. Das Gesetz sieht sogar vor, dass freie Träger ausdrücklich Vorrang haben.

Wie unterscheidet sich die finanzielle Unterstützung pro Kind zwischen kommunalen und freien Kita-Trägern in Leopoldshöhe?

Der Zuschuss pro Kind ist bei den kommunalen Einrichtungen in Leopoldshöhe fast viermal so hoch wie bei den freien Trägern. Von den rund 600 betreuten Kindern sind 200 in kommunalen Einrichtungen, die 925.349,00 € erhalten, während 400 Kinder bei freien Trägern mit 478.600,00 € bezuschusst werden.

Welche Maßnahmen sind im Baugebiet Brunsheide geplant, um den Wasserkreislauf zu verbessern?

Im Baugebiet Brunsheide in Leopoldshöhe sind umfangreiche Maßnahmen geplant, um Starkregenereignissen und Trockenheit entgegenzuwirken. Dazu gehören die Nutzung einer natürlichen Siek-Struktur, ein unterirdisches Speichersystem, Verdunstungs- und Versickerungsmulden, ein Solarpumpwerk sowie die Anlage von Baumrigolen und Grüninseln mit Speichern.

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