
Staatssekretär Daniel Sieveke, Dirk Becker, Vorstandsmitglied der NRW-Stiftung Dr. Ute Röder, Klaus Stein und Museumsleiter Karl Banghard. Fotos: kd
Beitrag zur Entzauberung der völkischen Ideologie
Oerlinghausen (kd). Eine Plexiglasscheibe in einem Haus des Archäologischen Freilichtmuseums Oerlinghausen? Kein Scherz, sondern wesentlicher Bestandteil eines einzigartigen pädagogischen Konzepts. Die Scheibe trennt zwei Bereiche innerhalb eines neuen Hauses: hier das überkommene, unrealistische Germanenbild, dort der heutige wissenschaftliche Forschungsstand.
Einblick in die NS-Geschichtspolitik
Vor 90 Jahren, 1936, entstand das sogenannte Germanengehöft. Die Gebäude sollten die nationalsozialistische Geschichtspolitik anschaulich vermitteln. „Die Wände waren weiß gekalkt, daran hingen die griffbereiten Waffen“, sagte Museumsdirektor Karl Banghard. Mit der historischen Wirklichkeit hatte die Inszenierung mit kompletter Inneneinrichtung jedoch wenig gemein. An der Stelle des bisherigen Hauses wird eine authentische Rekonstruktion entstehen. Der linke Teil zeigt weiterhin die ideologisch geprägte Darstellung, die rechte Seite wird den archäologisch nachgewiesenen Befund wiedergeben. Die Landesregierung und die NRW-Stiftung fördern das Vorhaben.
Fördermittel für einen einzigartigen Lernort
In Vertretung der Ministerin Ina Scharrenbach überbrachte Staatssekretär Daniel Sieveke den Förderungsbescheid über 245.000,00 €. Mit dem Projekt werde Geschichte für alle Altersstufen erlebbar, sagte er. Heimat werde hier nicht allein als ein Ort, sondern als Gefühl definiert. „Es zeigt zugleich, wie Menschen verführt werden können.“
Die NRW-Stiftung sieht in dem Neubau „ein wegweisendes Ausstellungs- und Bildungsprojekt zur kritischen Beleuchtung seiner eigenen NS-Geschichte“. Mit dem innovativen Vermittlungsansatz entstehe in Oerlinghausen ein einzigartiger Lernort.
Dr. Ute Röder, Vorstandsmitglied der Stiftung, überreichte die Förderurkunde über 64.000,00 €. „Das Projekt leistet einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und stärkt das kritische Geschichtsbewusstsein, insbesondere bei jungen Menschen“, sagte sie. Das Freilichtmuseum setze bewusst ein Zeichen für die Entzauberung von Ideologien. Auch gegenwärtig bestehe die Gefahr, dass historische Stätten missbraucht werden, um völkisches Gedankengut zu verbreiten.
Propaganda trifft Wissenschaft: Eine „Holzhammermethode“
Die unmittelbare Gegenüberstellung von Propaganda und Wissenschaft sei sicher eine „Holzhammermethode“, erklärte Museumsleiter Banghard. „Aber wir brauchen Orte, wo man zeigen kann: Da hätte ich vielleicht auch mitgemacht.“ Aufklärung über die Blut-und-Boden-Ideologie sei wichtig, zumal die extreme Rechte die Germanen für sich vereinnahmen wollten.
Zeitplan für Abriss und Neubau
Dirk Becker und Klaus Stein vom Trägerverein des Museums kündigten an, dass das bestehende Gebäude vom 1.7.2026 an abgetragen werden. Bis Ende des kommenden Jahres werde dann der Neubau nach historischem Vorbild fertiggestellt. Museumsmitarbeiter und Freiwillige werden dazu viel Eingenleistung einbringen. Die Eröffnung ist zu Beginn der Saison 2028 vorgesehen.

