Buchhändlerin Cerrin Wehrmann-Ristau hatte den Literaturkritiker Denis Scheck in die Bergstadt eingeladen. Foto: kd
„Ein Kritiker erklärt sich“
Oerlinghausen (kd). Seine Besprechungen über Bücher liegen jetzt auch in gedruckter Form vor. Denis Scheck, der wohl bekannteste Literaturkritiker Deutschlands, hat Beispiele aus seinen Fernsehsendungen in einer „Bestsellerbibel“ zusammengefasst. Bei seinem Gastspiel in Oerlinghausen verzichtete er jedoch auf eine herkömmliche Lesung, sondern plauderte über seine eigene Person.
Der Gast aus Stuttgart war einer Einladung der Buchhandlung Blume gefolgt. Inhaberin Cerrin Wehrmann-Ristau kündigte bei der Begrüßung an, dass die umstrittene Kritik Schecks an zwei Autorinnen an diesem Abend keine Rolle spielen solle. Seine Fernsehreihe „Druckfrisch“ läuft schon seit 23 Jahren. Mit seinen oft pointiert vorgetragenen Urteilen über Neuerscheinungen hat er sich einen Kultstatus erworben. Es gehört zur TV-Show, wenn er zum Beispiel Werke für unzureichend hält und über ein Rollband in eine Abfalltonne gleiten lässt. Doch wie steht es um die Person Denis Scheck? In der Mensa der Heinz-Sielmann-Schule gab er Einblicke in sein Leben.
Eine frühe Leidenschaft für Literatur
Bereits als Sechsjähriger habe er Bücher für sich entdeckt. Das „kleine, miese Dorf“, in dem die Familie lebte, konnte ihm nichts bieten. „Ich habe eine regelrechte Affenliebe für Literatur entwickelt“, formulierte Scheck. Sie waren zugleich seine Rettung vor den Zumutungen des Stiefvaters, zumal er ja nicht als dessen „Stallknecht“ enden wollte. Bevorzugte Genres waren Science Fiction, Fantasy und Horror. Bereits mit 13 Jahren gab er ein Fan-Magazin für diesen Zweig der Literaturlandschaft heraus. Über den Kontakt zu einem US-amerikanischen Autor erhielt er dessen Texte und wurde er per Zufall zum Literaturagenten. Die Redaktion des „Playboy“ zeigte Interesse und bat ihn zugleich, die Übersetzung anzufertigen.
Das vergleichsweise hohe Honorar beflügelte die Phantasie des Jugendlichen. „Ich unterlag einer Synapsenfehlbildung, dass man mit Literatur reich werden könne“, meinte er selbstironisch. Von diesem „verhängnisvollen“ Defekt habe er bis heute nicht erholt.
Schecks Lesegewohnheiten und Qualitätsanspruch
Bücher seien durchaus tauglich, Trost zu spenden. Er lese höchstens zwei bis drei Werke in der Woche, nicht zuletzt „weil ich bei meiner Meinungsbildung oft uneins bin“. Von schnellen, oberflächlichen Lesetechniken halte er nichts. Ein Sternekoch verarbeite ja auch kein mehrgängiges Menü in einen Einheitsbrei. „Außer zu lesen mache ich nichts, keinen Handschlag“, bekannte er. Denn das Durcharbeiten sei mühsam, die Bücher seien anschließend übersät mit seinen Anmerkungen und Symbolen. Bei seinen Beurteilungen achte er allein auf die Qualität, versicherte Scheck. „Eine 08/15-Beschreibung von Landschaften oder Personen langweilen mich.“ Er lasse ausschließlich literarische Kriterien gelten.
Die weitere Karriere als Literaturvermittler
Mit seiner „literarischen Agentur“ ging es rasch voran. Er vertrat auch russische und polnische Autoren. Zudem fand er Zugang zu einem Forum von hauptberuflichen Übersetzern. Für den ersten Besuch ließ er sich ein Cape schneidern und legte den Dreiteiler seines Großvaters an. Trotz seines Aufzugs wurde er freundlich aufgenommen, denn „die ließen mich als ihr Maskottchen mitlaufen“.
So fulminant wie es anfing, ging es auch weiter. Er wurde Ehrenstipendiat des Stuttgarter Literaturhauses, wo er bis zum Abitur wohnen konnte. Er studierte unter anderem in den USA, schloss dort mit einem akademischen Grad ab und machte anschließend als Übersetzer auf sich aufmerksam.