
Das Königspaar Linus Kosmann und Luisa Sellke (vorn) führen den Oerlinghauser Kinderthron an. Dahinter (v.l.): Apfelprinz Clemens Kapelski und Clara Hanke, Zepterprinz Mats Landerbarthold und Klee Martinetz sowie Leona Freise und Kronprinz Mahmoud Hani. Fotos: kd
Mit Konzentration und Ehrgeiz zum Ziel
Oerlinghausen (kd). Klagen über Hitze? Keineswegs. Denn trotz der hohen Temperatur weit über 30 Grad war das Kinderschützenfest in Oerlinghausen so gut besucht wie sonst auch. Mit seinen zahlreichen, hohen Bäumen bot der Schützenplatz am Steinbült auch viel Schatten.
Völlig gelassen und hoch konzentriert, das linke Auge zugekniffen, zielt Carla mit dem Gewehr auf den Holzadler. Es wird deutlich, dass sie beim Schießen schon viel Erfahrung besitzt. Die Zehnjährige trägt einen Blumenkranz im Haar und eine Schärpe über dem hellblauen Kleid. Die Symbole weisen sie als Mitglied des scheidenden Kinderthrons aus. „Im vergangenen Jahr war ich Thronprinzessin“, sagt sie. „Und das möchte ich auch gern wiederholen.“
Hohe Beteiligung und Gleichberechtigung
Während sich die meisten Kinder an den Spielstationen des Unteroffizierscorps vergnügten, bildete sich vor dem Schießstand bildete eine lange Reihe von 25 geduldig wartenden Kindern. 17 Jungen und zwölf Mädchen beteiligten sich an dem Wettbewerb um die Königswürde. Erst vor vier Jahren waren die Regeln gelockert worden. Und nicht wenige erwachsene Mitglieder der Oerlinghauser Schützengesellschaft hätten es begrüßt, wenn mal ein Mädchen den entscheidenden letzten Schuss abgeben würde. Auch der Vorsitzende, Oberst Christian Landerbarthold, meinte, damit könne doch ein Zeichen für Gleichberechtigung gesetzt werden.
Die ersten Trophäen fallen
Doch die Zahl der Mitbewerber ist groß. Bereits nach 21 Minuten schoss Clemens Kapelski (13) den Apfel herunter. Zur Prinzessin an seiner Seite wählte er Clara Hanke (12). In der 29. Minute fiel das Zepter durch einen gezielten Schuss von Mats Landerbathold (12). Klee Martinetz (13) wird ihn als Prinzessin begleiten. Die Krone schließlich sicherte sich Mahmoud Hani (10) in der 70. Minute. Er entscheid sich für Leona Freise (12) als Kronprinzessin.
Nach anderthalb Stunden war von der ursprünglichen Schönheit des Holzvogels nicht mehr viel übrig. Reichlich zerfleddert, hingen nur noch wenige Reste herunter. Es fehlte also nicht mehr viel bis zur Entscheidung. Einige männliche Kandidaten traten dann auch mit sichtbarem Ehrgeiz vor und ärgerten sich umso mehr, wenn sich der Adler nicht rührte.
Der neue Kinderschützenkönig steht fest
Unter lauten Anfeuerungsrufen der jugendlichen Beobachter war dann Linus Kosmann an der Reihe. Ohne sich irritieren zu lassen, behielt er seinen schon lange gefassten Vorsatz im Hinterkopf – und verpasste dem traurigen Rumpf oben im Kugelfang die letzte Kugel. Mit geballten Fäusten freute sich der 13-Jährige über seinen Sieg. „Ich wollte heute unbedingt gewinnen“, sagte er auf Anfrage. „Allein schon, um es meiner Mutter zu beweisen. Sie war sehr skeptisch und meinte, ich würde es eh nicht schaffen.“ Im vergangenen Jahr hatte er sein persönliches Ziel nur knapp verfehlt.
Gern hätte Linus seine Freundin Lucie zur Kinderschützenkönigin gemacht, sie war jedoch verhindert. Also musste Luisa Sellke (13) aus der Parallelklasse einspringen. „Ich bin die beste Freundin von Lucie“, sagte sie. „Und Linus kenne ich auch sehr gut, wir sind im selben Französischkurs.“
Festumzug abgesagt, musikalische Unterhaltung
Mit Rücksicht auf die Hitze hatte die Schützengesellschaft erstmals auf den üblichen Festumzug vom Rathausplatz zum Steinbült abgesagt. „Das wollten wir weder den Kindern noch den Kutschpferden zumuten“, erklärte Oberst Landerbarthold. Aber es gibt immer eine Lösung: Die Instrumentalgruppe der Oerly Musikschule, die Marsch schon seit 25 Jahren begleitet, trat diesmal auf dem „Feldherrnhügel“ auf. Musikschulleiter Davic Clartke hatte zum Jubiläum eigens ein Lied komponiert. Und für die scheidende Königspaar Jarne Landerbarthold und Leona Freise gab es zur Erinnerung an ihre Regentschaft einen eigens angefertigten Orden.

