
Roesels Beißschrecke, Foto: NABU Leopoldshöhe, Hans Dudler
NABU Leopoldshöhe – Naturinfo
Die Suche nach Biodiversität konzentriert sich oft auf weite Landschaften und große Tierarten. Doch eine aktuelle Studie des NABU Leopoldshöhe, in Zusammenarbeit mit Forschenden der Universität Göttingen und des ungarischen HUNREN Centre for Ecological Research, lenkt den Blick auf eine oft übersehene, aber erstaunlich vielfältige Welt: die der Insekten, die in unseren Gräsern leben. Diese kleinen, unscheinbaren Wespen, Gallmücken, Fliegen, Käfer und weitere Arthropoden sind weit verbreitet und spielen eine entscheidende Rolle im Ökosystem.
Versteckte Lebensräume im Grünland
Für ihre Untersuchung vermassen, sezierten und durchsuchten die Forschenden über 23.000 Grashalme nach Insekten. Das beeindruckende Ergebnis: In zehn mehrjährigen Grasarten wie Knäuelgras und Quecke konnten 255 verschiedene Insektenarten nachgewiesen werden. In fünf untersuchten einjährigen Grasarten wie Ackerfuchsschwanz und Windhalm hingegen wurde keine einzige Art gefunden. Dies unterstreicht die fundamentale Bedeutung von Dauergrünland für die Artenvielfalt.
Spezialisierung als Schlüssel zur Vielfalt
Die Studie zeigt, dass Gräser eine hohe Anzahl hochspezialisierter Insektenarten beherbergen. Viele dieser Arten sind so eng angepasst, dass sie nur bestimmte Grasarten oder die Familie der Süßgräser nutzen können. Ein interessanter Zusammenhang: Je länger die Halme einer mehrjährigen Grasart, desto größer ist die Insektenvielfalt. Rund ein Drittel der Insekten ernährt sich direkt vom Gras, während die übrigen Arten, meist Wespen, parasitisch von den pflanzenfressenden Insekten leben. Nahezu zwei Drittel der Insekten sind auf Gräser spezialisiert, die Hälfte davon auf einzelne Grasarten. Eine artenreiche Wiese bildet so ein komplexes Mini-Ökosystem, das je nach Feuchtigkeit, Boden, Mahd und Pflanzenvielfalt Hunderte von Insektenarten beherbergen kann.
Heuschrecken und Schmetterlinge als Indikatoren
Charakteristisch für sonnige und extensiv gemähte Wiesen sind zahlreiche Heuschreckenarten wie der Gemeine Grashüpfer, Roesels Beißschrecke, der Nachtigall-Grashüpfer oder der Warzenbeißer, die auf Grasnahrung angewiesen sind. Auch viele Schmetterlingsraupen finden in Gräsern ihre Lebensgrundlage. NABU-Insektenkundler Hans Dudler betont: „Erstaunlich viele Tagfalterraupen leben an Gräsern – besonders Arten aus den Unterfamilien der Augenfalter, etwa das Schachbrett und Wiesenvögelchen, aber auch Dickkopffalter.“ Diese oft braun oder orange gefärbten Schmetterlinge sind typische Bewohner von Wiesen und Magerrasenflächen.
Der Freesenberg: Ein Juwel des Artenschutzes
Ein hervorragendes Beispiel für erfolgreiche naturschutzfachliche Biotoppflege ist der Freesenberg. Dank jahrelanger, abgestimmter Maßnahmen konnten sich dort auf den Grünlandflächen 18 unterschiedliche Gräser etablieren. Hans Dudler hebt hervor: „Inzwischen wissen wir, dass viele Raupen der bislang erfassten 539 Tag- und Nachtschmetterlinge an und von den unterschiedlichen Gräsern auf dem Freesenberg leben.“ Dies belegt, so Dudler, die besondere Wertigkeit dieser Flächen aus Artenschutzsicht. Sie bieten ein Potential, das weiträumig seinesgleichen sucht und noch kleinräumig ausbaufähig ist, und sind ein wichtiger Rückzugsort für die heimische Insektenwelt.

