
Vor dem Rathaus verlegte Bauhof-Mitarbeiter Sölter die drei Stolpersteine, die an die Familie Bornheim/Heimann erinnern. Bürgermeister Peter Heepmann (hinten, links) sagte: „Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber entscheiden, was wir daraus machen.“ Fotos: kd
Geschichte wirkt bis heute nach
Oerlinghausen (kd). Mit weiteren zehn Stolpersteinen wird in Oerlinghausen jetzt auch an jene Oerlinghauser Bürgerinnen und Bürger erinnert, die wegen ihres jüdischen Glaubens zur Auswanderung gezwungen waren. Zur Verlegung hat der Initiative Stolpersteine eine würdevolle Feierstunde gestaltet.
Das Schicksal der Familie Bornheim
In vielen Orten waren die jüdischen Deutschen nach 1933 massiver antisemitischer Hetze ausgesetzt. Auch das Geschäft von Siegfried Bornheim an der Hauptstraße wurde boykottiert und der bislang geachtete Kaufmann aus Oerlinghauser Vereinen ausgeschlossen. Schüler des Niklas-Luhmann-Gymnasiums stellten die wesentlichen Stationen seines Lebenslaufs vor. Unter großen Schwierigkeiten gelang Bornheim, dessen Tochter Lilly und Schwiegersohn Ernst Heimann die Ausreise nach Uruguay. Sie hätten Deutschland 1938 nicht freiwillig verlassen, sagte Urenkel Rene Weinberg, der eigens aus Brasilien angereist war. „Sie wurden durch den Hass, die Verfolgung und die Entmenschlichung des nationalsozialistischen Regimes aus ihrer Heimat gedrängt.“
An der feierlichen Verlegung vor dem Eingang zum Rathaus beteiligten sich auch die Schulchöre des Niklas-Luhmann-Gymnasiums und der Heinz-Sielmann-Schule. Als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Herford-Detmold intonierte Kantor Jakow Zelewitsch ein hebräisches Gebet.
Die Familie Kulemeyer
Anfeindungen und Einschüchterungen erlebte auch der Viehhändler Julius Kulemeyer. Mit Ehefrau Clara und den Söhnen Heinz und Fritz gelang es ihm 1938, Sonderabgaben und die teure Schiffspassage nach Montevideo in Argentinien zu bezahlen. Elf Nachfahren nahmen an der Verlegung der Stolpersteine vor dem früheren, nicht mehr existenten Wohnhaus an der Rathausstraße 39 teil.
Die Familie Paradies
An der dritten Station, Hauptstraße 41, wird an Carl Paradies, der Ehefrau Bertha und den Sohn Rudolf erinnert. Der angesehene Kaufmann war in zahlreichen Vereinen aktiv. Von offizieller Seite wurde ihm allein vorgehalten, dass er Jude sei. Unter Druck musste er das gutgehende Textilgeschäft abgeben und seine Häuser verkaufen. Dennoch reichten die Einnahmen nicht, die „Reichsfluchtsteuer“ und die Überfahrt nach Manila auf den Philippinen zu begleichen.
Bürgermeister Heepmann: „Ihre Geschichte wirkt nach“
„Die Schicksale dieser einstigen Oerlinghauser Familien gehen mir nahe“, bekannte Bürgermeister Peter Heepmann. „Sie sind Nachbarn, Freunde, ein Teil unserer Stadt gewesen. Und sie hatten Angst um Leib und Leben.“ Flucht bedeute, die materielle Sicherheit und die Zukunftsperspektiven zu verlieren. „Ihre Geschichte wirkt bis heute nach und ihre Namen gehören dazu“, erklärte Heepmann.
Mahnmal verpflichtet zur Verteidigung der Menschenwürde
In diesem Sinn äußerte sich auch der Nachfahre Rene Weinberg. „Dieses Mahnmal hat eine besondere Bedeutung“, sagte er. „Die Erinnerung verpflichtet uns, Demokratie, Toleranz und Menschenwürde jeden Tag zu verteidigen.“
Neue Gedenktafel und „Erinnerungsbuch“
Zeitgleich zur Verlegung wurde neben dem Haupteingang des Rathauses auch eine neue Gedenktafel angebracht. Dort sind jetzt die Namen der 23 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus Oerlinghausen aufgeführt, denen ein Stolperstein gewidmet ist. Zugleich wird auf das „Erinnerungsbuch“ (auf der städtischen Homepage) des Historikers Jürgen Hartmann verwiesen, der die individuellen Schicksale in jahrzehntelanger Arbeit erforscht hat.

