Referentin Nadja Sojilkovic, Andreas und Ilka Brinkmann von der örtlichen Initiative sowie Manfred Schemmel von der Bürgerstiftung Leopoldshöhe (von links) regten die Gründung eines Netzwerks zum Thema Hochbegabung an. Foto: kd
Viele Vorurteile und wenig Wissen
Leopoldshöhe (kd). Über hochbegabte Kinder kursieren etliche Vorurteile und falsche Vorstellungen. Denn gerade sie benötigen viel Förderung und Anregungen. Zu einem ersten Austausch über das Thema haben 20 Vertreter von Schulen, Unternehmen und Behörden in Leopoldshöhe-Asemissen zusammengefunden. Die Gespräche, unterstützt von der Bürgerstiftung, werden als Netzwerktreffen fortgesetzt.
Hochbegabung jenseits von Schulnoten
Ein Fallbeispiel: Jonas besucht die 9. Klasse, erhält durchschnittliche Noten, ist oft abgelenkt, erledigt keine Aufgaben, wird manchmal aggressiv, prügelt sich. Während die Eltern den Verdacht äußern, ihr Kind könnte hochbegabt sein, reagieren die Lehrkräfte abweisend. „Hochbegabung erkennt man nicht an guten Zeugnisnoten, diese Kinder sind auch keine Streber“, sagte Nadja Sojilkovic in ihrem einführenden Vortrag. Die Lehrerin der Leopoldshöher Gesamtschule hat sich eingehend mit dem Thema befasst und erläuterte, dass die Anlagen, jedoch nicht die Leistungen gemeint sind.
Eine Hochbegabung liege vor, wenn ein Intelligenzquotient von mindestens 130 festgestellt werde sowie überdurchschnittliche Fähigkeiten und Interessen vorhanden sind. „Sie weisen ein schnelleres Verständnis auf, finden alternative Lösungswege, stellen systemische Fragen, sie sind sehr sensibel und entwickeln einen besonderen Perfektionismus. Allerdings haben sie schnell Konflikte mit Autoritäten und langweilen sich schnell“, sagte Nadja Sojilkovic.
Herausforderungen bei der Diagnose und Förderung
Begabt seien viele Kinder, intellektuell überdurchschnittlich befähigt aber nur zwei bis drei Prozent; sie gelten als hochbegabt. „Das können aber nur ausgewiesene Experten feststellen“, sagte die Referentin. „Es kommt häufig zu Fehldiagnosen, weil das Fachwissen fehlt.“
Ähnlich äußerte sich eine Pädagogin: „Ich habe in keiner Uni-Vorlesung etwas über Hochbegabung gehört.“ Das Schulen die versteckten Talente der Kinder oft nicht erkennen und auffälliges Verhalten fehldeuten, werden die betroffenen Kinder zumeist nicht angemessen gefordert und unterstützt. „Bei entsprechender Förderung könnten die Hochbegabten unsere Leistungsträger sein“, meinte Nadja Sojilkovic. „Ihre besonderen Eigenschaften sind in der modernen Arbeitswelt doch gefragter denn je.“
Wirtschaftliche Folgen und persönliche Erfahrungen
Eine Mutter stützte diese These. „Das sind unsere vergessenen Kinder, das ist die Inklusion nach oben“, meinte sie. „Wirtschaftskraft geht verloren, wenn sie nicht gefördert.“ Ein junger Betroffener berichtet von eigenen Erfahrungen im Beruf. „Ich hatte Glück, denn ein Vorgesetzter brachte viel Verständnis für meine Situation auf. Ich konnte mich bei der Arbeit auf meine Art entwickeln. Als ein anderer kam, war es schlagartig vorbei. Deshalb habe ich gekündigt.“
Aufbau eines lokalen Netzwerkes
Die Anwesenden waren sich schnell einig, dass nicht nur die Schulen, sondern auch die Unternehmen für den Umgang mit Hochbegabten sensibilisiert werden müssten. Um Informationen zu vermitteln und für Verständnis zu werben, sei ein Netzwerk erforderlich. In Leopoldshöhe haben Ilka und Andreas Brinkmann bereits die ersten Schritte diese Richtung unternommen. Sie gründeten eine Elterninitiative, die zum Netzwerk erweitert werden soll. Andreas Brinkmann: „Wir können uns als Gesellschaft nicht leisten, diese Potenziale versickern zu lassen.“