Jürgen Hartmann forschte zu den Lebenswegen von ausgewanderten Oerlinghausern jüdischen Glaubens

12. Jan. 2026 | Oerlinghausen

Unter Druck die Heimat verlassen

Oerlinghausen (kd). Der Historiker Jürgen Hartmann hat die Lebenswege der zehn jüdischen Oerlinghauser nachgezeichnet, denen die Flucht während des Nationalsozialismus gelang. Das Werk ist im Internetauftritt der Stadt veröffentlicht. Auf Einladung des Heimatvereins und der Initiative Stolpersteine berichtete Hartmann vor 65 Zuhörern im Bürgerhaus über seine jahrzehntelange Spurensuche.

Integration und plötzliche Ausgrenzung

Sie waren Bürgerinnen und Bürger der Bergstadt wie andere auch. Hatten Berufe wie andere auch, waren in Vereine aktiv, ihre Familiengeschichte reichte zum Teil bis ins 17. Jahrhundert zurück. Warum sie dennoch angefeindet, ausgegrenzt und verfolgt wurden, lag einzig und allein in ihrem Glauben begründet: Sie waren Teil der jüdischen Synagogengemeinde.

Repressalien und erzwungene Emigration

Nach 1933, der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde ihnen das Leben im gesamten Deutschen Reich schwer gemacht. In Oerlinghausen setzten Mitglieder der NSDAP, der Hitlerjugend und der SA den in Helpup an der Bahnhofstraße 39 wohnenden Viehhändler Julius Kulemeyer mit Boykott und Hetze unter Druck. Er, der als Frontkämpfer im 1. Weltkrieg mit einem Ehrenkreuz ausgezeichnet worden war, wurde diffamiert und wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ in Schutzhaft genommen. Er entschloss sich daher, mit seiner Familie das Land zu verlassen und nach Argentinien auszuwandern.

Siegfried Bornheim betrieb ein Bekleidungsgeschäft, er war im Vorstand des Schützenvereins, gehörte dem Männergesangverein und dem Verkehrs- und Verschönerungsverein an. Seine Familie suchte Zuflucht in Uruguay. „Die Emigration erfolgte keineswegs freiwillig“, betonte Hartmann. „Es war eine durch Verfolgung erzwungene Flucht.“

Die prekäre Lage im Exil

Nach dem Kauf der Schiffspassagen für die vier Familienmitglieder und etlichen Gebühren und Abgaben wie die „Reichsfluchtsteuer“ schrumpften die finanziellen Mittel zusammen. Am Zielort waren die Lebensbedingungen hart, die Armut im Exil den weit verbreitet. Hinzu kamen seelische Nöte. „Übrigens lohnte sich der Verkauf von Häusern und Grundstücken auch für die Stadt, denn sie mussten kostenlos übergeben werden“, sagte Hartmann.

Andere wie die Familie Paradies fanden auf den Philippinen eine neue Heimat. Bis zum Oktober 1941 war die Auswanderung möglich, dann wurde sie verboten. Insgesamt zehn Personen hat der Historiker Hartmann sehr detailliert beschrieben. „Bei Kriegsende lebten nur wenige von ihnen in gesicherten Verhältnissen“, berichtete er. Viele Jahre mussten sie dann um Wiedergutmachung und Rückerstattung kämpfen. „Lange Zeit wurde in Oerlinghausen nicht an die früheren jüdischen Nachbarn erinnert“, bedauerte er.

Herausforderungen der historischen Recherche

Seine Spurensuche sei sehr zeitaufwändig gewesen. Er besuchte Archive, kontaktierte Nachfahren, forschte in alten Zeitungen und Dokumenten, „manchmal mit detektivischem Spürsinn“. „Oft sind wichtige Akten nicht mehr vorhanden, weil sie bewusst vernichtet wurden“, stellte der Referent fest. „Auch in Oerlinghausen sind zahlreiche offizielle Akten dem Kalkofen übergeben worden.“ Am meisten freute er sich, wenn Post mit Familienfotos eintraf. „Sie können uns das tragische Schicksal der Verfolgten näherbringen. Wir sehen wie sie ausgesehen und gelebt haben“, sagte Hartmann.

Veröffentlichung der Ergebnisse

Die Broschüre über „Die Flucht jüdischer Oerlinghauser während des Nationalsozialismus liegt digital vor: www.oerlinghausen.de/de-wAssets/docs/Hartmann_Die-Flucht-juedischer-Oerlinghauser-waehrend-des-Nationalsozialismus_2025.pdf

Teilen:
Facebook
Whatsapp
Twitter
×

DasBlatt Newsletter

Bleiben Sie informiert!

Alle 2 Wochen lokale Neuigkeiten
Interessante Kleinanzeigen
50% Rabatt-Gutschein als Willkommensgeschenk
Jederzeit kündbar

Sie erhalten eine Bestätigungs-E-Mail. Ihre Daten werden vertraulich behandelt.
Datenschutzerklärung