Seine Freunde portraitiert der Bildhauer Bruno Raetsch auf eigenwillige Weise

18. Mai 2026 | Oerlinghausen

Bruno Raetsch, ein kahler Mann mit Bart und brauner Jacke, gestikuliert sprechend vor Skulpturen und einem Fenster

Kunstverein Oerlinghausen – Kraftvolle Köpfe

Die „Friends“ von Bruno Raetsch

Oerlinghausen (kd). Unschwer sind die Plastiken als menschliche Köpfe zu identifizieren. Hier und da sind Augen und Nasen zu erkennen. Der Künstler Bruno Raetsch hat die Werkserie, die gegenwärtig im Kunstverein Oerlinghausen gezeigt wird, als „Friends“ (Freunde) betitelt.

Sie erinnern entfernt an die Schwellköpfe aus dem Karneval oder an Comicmonster. Mit seinen dreidimensionalen Portraits habe Raetsch (64) jedoch in Wahrheit seinen Freundeskreis abbilden wollen, erläuterte der künstlerische Leiter des Vereins, Prof. Dr. Andreas Beaugrand. In einem Fall sei er sogar selbst dargestellt: Darauf verweisen der Titel mit den Initialen „AB“ und ein angedeuteter Motorradhelm sowie die Aufschrift BMW. Das Rätsel ist rasch gelöst: Raetsch und Beaugrand sind durch eine jahrzehntelange Bekanntschaft und die Freude am Motorradfahren verbunden.

Künstlerischer Prozess und Materialliebe

Vor rund 30 Jahren stellte der Bildhauer erstmals in Bielefeld aus. Schon damals seien seine Holzskulpturen recht spontan, ohne Vorzeichnung, zum Teil sogar mit Hilfe einer Motorsäge entstanden. „Dieses Prinzip ist immer noch zu erkennen“, sagte Beaugrand. „Das automatische Vorgehen erinnert an die Vorgehensweise der Surrealisten.“ Darin drücke sich sein „Kampf mit dem Material ebenso wie seine Liebe zum Material“ aus.

Die Wirkung der Werke

Die Werke seien andersartig, unkonventionell und können verängstigen, hat der Kunstkritiker Dr. Maurizio Vanni bei einer anderen Gelegenheit einmal festgestellt. „Bruno Raetschs Werke sind kraftvoll und dicht, gewaltig und auf aggressive Weise sanft, intelligent, spontan und überraschend ob ihrer Energie und ihrer einzigartigen intellektuellen Projektion“, schrieb er.

Die in Oerlinghausen präsentierten Köpfe aus Beton, Bronze und Holz sind häufig in dunklen Farbtönen gehalten, zumeist in tiefem Schwarz, manche tragen im Kontrast dazu noch Einsprengsel in auffälligen Signalfarben. „Rau und roh erscheinen diese Gesellen“, beschreibt die Kunsthistorikerin Susanne Altmann das Figurenpersonal. Ihr Eindruck lautet: „Er distanziert sich nicht von seinen Helden, sondern nimmt vielmehr die Rolle des Erzählers ein. Bisweilen gerät so manche Figur zum Alter Ego des Künstlers.“

Freiheit der Kunst und Interaktion

Wen er genau abgebildet habe, ließ Raetsch, Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, bewusst offen. Möglicherweise habe er sich auch in allen Fällen selbst darstellen wollen. „Vieles erschließt sich nicht auf den ersten Blick“, sagte Raetsch. „Man solle aber nicht reflexhaft reagieren und sich sofort ablehnend verhalten.“ Kunst müsse vielmehr frei und frei interpretierbar sein. Ausdrücklich erlaubte er, die Köpfe zu berühren. „Dadurch kommt noch eine sinnliche Erfahrung hinzu“, meinte er. „Bildhauerei ist etwas Physisches, außerdem habe ich selbst den Drang, die Kunstwerke in Ausstellungen anzufassen.“ Ausdrücklich dankte er Franz Brinkmann für die Anfertigung der neuen, schwarzen Podeste. Die Sockel vermittelten eine „unglaubliche Ästhetik“.

Klares Bekenntnis zur Kunstfreiheit

In seinem Grußwort betonte Volker Neuhöfer, erster Stellvertreter des Bürgermeisters, „die wichtige Bereicherung der Kunst für unsere Gesellschaft und die Demokratie“. Es sei nicht hinzunehmen, wenn die AfD wie in Sachsen-Anhalt das Programm von Theatern und Museen angreife. Damit würden die künstlerische Freiheit und die liberale Demokratie in Frage gestellt. „Es ist doch ganz einfach zu sagen: Nein!“, meinte Neuhöfer. „Ich wünsche mir, dass auch der Kunstverein Oerlinghausen die nötige Kraft und Leidenschaft dafür aufbringt.“

Ausstellung bis 2026 verlängert

Die Kunstvereinsvorsitzende Isolde Müller-Borchert kündigte an, dass die Ausstellung verlängert und erst am 18.7.2026 enden wird. Grund ist das Sommerfest an diesem Tag aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens des Vereins.

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